Ein kurzer Auszug aus einem Interview mit Ilija Trojanow:
Eren Güvercin: In einem Interview haben Sie zurückgewiesen, zum Islam „konvertiert“ zu sein. Und zwar, weil das Wort „konvertieren“ inkorrekt ist. Wann haben Sie angefangen, sich für den Islam zu interessieren und was hat Sie fasziniert?
Ilija Trojanow: Ich finde es schön, dass Sie diese Frage stellen, denn sie wird nur selten gestellt. Ich werde häufig gefragt, wann ich „konvertiert“ sei. Ich antworte, aber es fragt dann niemand, was mich am Islam fasziniert. Die Leute wollen mich kategorisieren, haben aber kein Interesse an meinen Erfahrungen. Es hat etwas mit Indien zu tun und damit, dass Bombay eine sehr islamische Stadt ist. Es gibt ja in Indien keine Zahlen, aber der Islam ist sehr gegenwärtig. Die ersten Jahre in Indien hatte ich die Gelegenheit, sehr viel zu reisen und bin zu einigen Orten gekommen. Einer der ersten Momente des Aufhorchens waren Besuche bei den Dergahs – Orte, an denen Sufiheilige begraben sind. Das sind Orte, von denen wirklich eine Kraft ausgeht. Diese Orte haben eine außerordentliche soziale, kulturelle und religiöse Vielfalt. Ich kann mich erinnern, dass einige Leute ein Kreuz um den Hals trugen, aber trotzdem hingingen, genauso wie Reiche und Arme. Zu dem Zeitpunkt habe ich wahrscheinlich begonnen, mich mit dem Sufismus zu beschäftigen. Bei mir war der Zugang vor allem ein sinnlicher und ästhetischer. Ich bin immer noch jedes Mal innerlich erschüttert, wenn ich einen guten Qawwali [indo-pakistanische Variante des islamischen Gesangs und Vermittlung spiritueller Inhalte] höre. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, Gott zu sehen, um es platt zu formulieren, bei einem Qawwali-Konzert. Dichtung bedeutet mir sehr viel und ich spreche auch stark auf Kalligraphie an. Der zweite Anlass war ein wirklich gesegneter Schritt, als ich bei der deutschen Botschaft einen wunderbaren alten Mann kennenlernte – Ali Askar Engineer. Er gehörte zu den Bohras, die es nur an der indischen Westküste gibt und die wirtschaftlich erfolgreich sind. Er leitete ein Zentrum für Islam und Kommunikation. Nach einer Einladung haben wir uns mehrfach getroffen und ich hatte Fragen über Fragen. Dann lachte er nur und sagte: „Das geht so nicht weiter, ich habe ein Institut zu leiten. Aber ich bringe dich mit einigen jungen Ulama zusammen.“ Sie suchten Kontakte und wollten ihr Englisch verbessern. Ich habe sie besucht und wir hatten uns auf Anhieb gut verstanden. Innerhalb einer Stunde haben wir eine Art Handel abgeschlossen. Ich sollte ihnen das Schreiben auf Englisch beibringen und sie mich im Islam unterweisen. Daraus entstand eine Eigendynamik, die so weit ging, dass ich mit ihnen gelebt habe. Bewegend für mich war die entstandene Nähe, aber auch das Gefühl, dass man einmal der Lehrer und dann wieder der Schüler war. Wir haben dann begonnen, gemeinsam zu beten. Ich bin jemand, der die Gebetsform des Islam sehr schätzt. Sie ist wirklich grandios. Jedes Mal, wenn ich aus dem Gebet herausgehe, fühle ich mich in jeder Hinsicht bereichert. Form ist für mich sehr wichtig und Rituale sind sehr wichtig. Diese Kombination von Form und Ritual ist etwas, was mich sehr angezogen hat. Was mich überhaupt nicht angezogen hat, und wo ich meinen eigenen Weg gehe, sind die ganzen Gesetze. Ich suche eher immer das Direkte. Was ich bei den Ulamas gesehen habe war die Obsession mit Gesetzen, beispielsweise wie lang die Hose sein muss. Ich habe ihnen immer gesagt: „Wenn ihr in der Frühe zum Morgengebet aufwacht und danach schlafen geht, dann ist das tausend Mal schlimmer als alle eure Gesetze.“ Obwohl wir uns gestritten haben, haben sie mir zugehört. Was sie nicht verstanden, war die Idee, die dahinter steckt. Es ist für mich Blasphemie, wenn man sich keine Mühe dabei gibt, die Idee hinter den Gesetzen zu verstehen, denn diese ist, dass man aufsteht und den Tag beginnt und nicht, dass man einen Wecker hat, kurz zwei Raka’ats betet und dann wieder ins Bett geht. Die Idee ist natürlich, und das ist eine alte Weisheit noch von vor dem Islam, dass man mit der Sonne aufsteht und den Tag beginnt. Wenn sie sich darüber keine Gedanken machen, und sie sind Ulama, dann stimmt etwas nicht. Die Diskussion führe ich bis zum heutigen Tage immer wieder, da ich das Gefühl habe, dass der Islam daran krankt, weil die Leute die zentralen Visionen des Islam und seiner gesellschaftlichen Transformation nicht ernst nehmen. Wir haben vorher von Mekka gesprochen: Es ist für mich skandalös, dass in Mekka jeder soziale Grundsatz, der im Heiligen Qur’an steht, missachtet wird.
Eren Güvercin: Haben wir nicht im Augenblick eher das Problem, dass der Pendelschlag in die andere Richtung geht? Hier ist man ja bald nur noch dann ein akzeptabler Muslim, wenn man ein reiner Esoteriker ist, der keine Inhalte mehr besitzt. Die großen Sufi-Meister haben ja immer wieder betont, dass es keine – innere – Erleuchtung gibt ohne einen äußeren Weg. So beispielsweise Abu’l-‘Abbas Al-Mursi, der sagte: „Wenn jemand auf einem fliegenden Teppich kommt und verlangt, dass ihr die Schari’a verlasst, dann verlasst ihn.“ Braucht es nicht die äußere Form?
Ilija Trojanow: Völlig richtig, aber es gibt ja zentrale Formen und Gesetze und sekundäre. Dort sind für mich die Prioritäten verschoben. Meiner Meinung nach ist es ein zentraler Grundsatz, dass man Muslimen kein Leid zufügen darf. Bei der Hadsch beispielsweise, der Steinigung von Schaitan, schlagen sich die Leute fast halbtot. Das sind aber Leute, die einen langen Bart tragen. Das Wunderbare am Heiligen Qur’an ist ja, dass er immer wieder gegen Heuchelei angeht. Es gibt so viel Heuchelei, gerade bei Leuten, die die Form überschätzen.
(Veröffentlicht in: Islamische Zeitung, 27.04.2006.)
Das gesamte Interview gibt es hier zu lesen.
In Gedenken - Inna lillah, wa inna ilaihi radschi’un




